Organisation der Entscheidungsfindung im AG-Vorstand

Vieles spricht dafür, dass sich auch in den Vorständen deutscher Großunternehmen die direktoriale Entscheidungsfindung immer mehr durchsetzt. Dabei gilt das Kollegialprinzip nach wie vor als das aktienrechtlich verbindliche Modell. Die Frage, welches dieser beiden Prinzipien aus organisatorischer Sicht das effizientere darstellt, konnte bislang jedoch nur unzureichend geklärt werden. Jens Grundei beleuchtet mit seinem Beitrag genau diesen Aspekt und liefert interessante Erkenntnisse.

20.03.2008
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Konzern- und Führungsorganisation

1. Wer, Wann, Wo ?

PD Dr. Jens Grundei ist in Berlin freiberuflich in Forschung, Lehre und Beratung tätig. Zu seinen Arbeitsgebieten zählen Organisationsgestaltung, Corporate Governance und Strategie. Er ist zu erreichen unter jg(at)jensgrundei.de. Weitere Informationen unter www.jensgrundei.de. Bei dem Langformat zu diesem Beitrag handelt es sich um die überarbeitete Fassung des Diskussionspapiers 01/2004 des Berlin Center of Corporate Governance.

2. Woher, Wohin, Warum ?

Der vorliegende Beitrag setzt sich kritisch mit der Organisation der Entscheidungsfindung im Vorstand einer AG auseinander. Im Fokus stehen zwei Gestaltungsalternativen der Vorstandsorganisation: das aktienrechtlich gebotene Kollegialmodell und das Direktorialmodell. Dabei ist das Hauptziel des Beitrags, organisationstheoretische Vor- und Nachteile der beiden Organisationsformen aufzuzeigen, um auf dieser Basis die geäußerte Ansicht, das Recht müsse der tatsächlichen Form der vorstandsinternen Entscheidungsorganisation angepasst werden, kritisch zu hinterfragen.

3. Was, Wie, Welche Ergebnisse ?

Das Diskussionspapier gliedert sich insgesamt in fünf Teile. Auf eine kurze Problemstellung folgt die Darstellung der empirischen Befunde zur faktischen Anwendung des Direktorialprinzips in der Praxis und der Mechanismen seiner Etablierung. Eine ausführliche Beurteilung der Zweckmäßigkeit des Direktorialprinzips erfolgt in Teil D des Beitrags, bevor in Teil E ein Fazit gezogen wird.

Ausgangspunkt der Analyse bildet die kritische Auseinandersetzung mit der Auffassung Oesterles, welcher in dem Direktorialprinzip das dominierende Entscheidungsmodell im Vorstand sieht und daher in der gesetzlichen Anpassung an die tatsächlichen Gegebenheiten das effektivste Mittel sieht, um den wirtschaftlichen Anforderungen im Sinne der Corporate Governance-Diskussion gerecht zu werden. Grundei bemängelt vor allem das empirische Vorgehen Oesterles bei seiner Untersuchung zur dominanten Stellung des Direktorialprinzips in deutschen Großunternehmen. Insbesondere liefere das empirische Vorgehen Oesterles keine eindeutigen Belege, die auf eine faktische Durchsetzung des Direktorialprinzips bei der Entscheidungsfindung innerhalb des Vorstands schließen lassen. Vielmehr ließen sich die Erkenntnisse durchaus auch im Sinne des obligatorischen Kollegialprinzips deuten. Auch werde die eigentlich relevante Fragestellung umgangen, welche der beiden Prinzipien letztendlich aus der Effizienzperspektive betrachtet die organisatorisch wünschenswertere ist. Aufgrund der weitreichenden Auswirkungen, die eine Änderung der Rechtsvorschriften nach sich zieht, sei es daher geboten, die Organisationsalternativen einer systematischen Beurteilung zu unterziehen.

Grundei stellt sich in seinem Hauptteil genau dieser Fragestellung. Dazu macht er sich ein Effizienzkonzept zunutze, auf dessen Grundlage er die beiden Entscheidungsprinzipien aus organisatorischer Sicht einer handlungsrationalen und handlungsrealen Analyse unterzieht. Die handlungsrationale Perspektive nimmt eine Bewertung organisatorischer Strukturalternativen in Bezug auf Entscheidungsqualität und -aufwand vor. Ausgangspunkt bildet hierbei die Annahme des intendiert-rational handelnden Akteurs zur idealtypischen Beurteilung organisatorischer Gestaltungsalternativen. Die handlungsreale Sicht bildet dazu das entsprechende Gegenstück, indem sie verhaltenswissenschaftliche Annahmen zugrunde legt, die eine Einschätzung des Motivationsniveaus und eine Beurteilung der Ausgewogenheit bei der Abwägung von wichtigen Entscheidungen und Maßnahmen erlauben.

Grundei liefert durch die gesonderte Betrachtung dieser beiden Effizienzaspekte die Grundlage für eine systematische und detailliertere Analyse dieser beiden Entscheidungsprinzipien.So plädiert er, entgegen der Forderung einer rechtlichen Anpassung, aus sachlogischer Sicht an dem obligatorischen Kollegialprinzip festzuhalten. Zwar ließe die handlungsreale Einordnung kein eindeutiges Fazit zu. Die Unterstützung durch flankierende Maßnahmen zur Förderung vorstandsinterner Diskussionen sei jedoch einer rechtswidrigen Hinwendung zum Direktorialprinzip allemal vorzuziehen.

4. Für Wen, unter Welchen Bedingungen ?

Der Beitrag liefert wertvolle Erkenntnisse, insbesondere für Leser, die sich aus wissenschaftlicher wie praktischer Sicht der Frage nach der Vorteilhaftigkeit verschiedener Alternativen der Entscheidungsfindung widmen. Die Beurteilung dieser Frage mithilfe von Kriterien der organisatorischen Effizienz überzeugt dabei sowohl aus konzeptioneller wie auch aus anwendungsorientierter Sicht. Für Studierende der BWL bietet dieser Beitrag einen interessanten Ansatz zur Beurteilung der Vorteilhaftigkeit organisatorischer Gestaltungsalternativen.

5. Wie einzuschätzen ?

Durch die gesonderte Betrachtung der beiden Effizienzaspekte liefert Grundei die Basis für eine systematische und tiefergehende Analyse alternativer Entscheidungsprinzipien. Auch wenn in Summe die eindeutige Wahl zu Gunsten eines der beiden Modelle weiterhin offen bleibt, so erlaubt die effizienzorientierte Auseinandersetzung mit dieser Thematik doch einen detaillierten Einblick in die Vor- und Nachteile, die mit der Wahl des Direktorial- bzw. Kollegialprinzips einhergehen.

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 Organisation der Entscheidungsfindung im AG-Vorstand (94 kB)