Vertrauen ist die Basis

Die beiden Erfolgsgeschichten um die Open-Source-Software Linux und den Autobauer Toyota bilden auf den ersten Blick zwei völlig unterschiedliche Phänomene. Eine genauere Analyse ihrer Erfolgsfaktoren bringt jedoch bemerkenswerte Parallelen zu Tage, die sich durchaus auf andere Organisationsformen und Branchen übertragen lassen. Philip Evans und Bob Wolf eröffnen dem Leser in ihrem Artikel interessante Einblicke in Koordinationsmechanismen jenseits angestammter marktlicher und hierarchischer Denkmuster.

05.12.2005
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Netzwerkorganisation

1. Wer, Wann, Wo ?

In der Novemberausgabe desHarvard Business managerist folgender Artikel erschienen:

Evans, P./Wolf, B. (2005): Vertrauen ist die Basis, in: Harvard Business manager, November 2005, S. 61-74.

Philip Evans ist Senior Vice President in der Bostoner Zentrale der Boston Consulting Group (BCG) und Bob Wolf ist Manager bei BCG.

Download unter190www.harvardbusinessmanager.de

2. Woher, Wohin, Warum ?

Auch wenn die Open-Source-Software Linux und der Automobilkonzern Toyota auf den ersten Blick wenig gemein haben, verleitet der Erfolg dieser beiden Organisationen zu einer eingehenderen Analyse ihrer Geschäftsmodelle. Tatsächlich bringt eine genauere Untersuchung dieser Erfolgsgeschichten signifikante Gemeinsamkeiten zum Vorschein. So lassen sich wesentliche Merkmale der Arbeitsabläufe der Linux-Gemeinde auf die Führungsmethoden von Toyota übertragen und beide besitzen auffallende Ähnlichkeiten durch ihren selbstorganisierenden netzwerkartigen Charakter, welcher marktliche und hierarchische Elemente in sich vereint.

3. Was, Wie, Welche Ergebnisse ?

Die Funktionsfähigkeit hybrider Koordinationsformen, wie es die Beispiele von Linux und Toyota darstellen, führen die Autoren auf drei Eigenschaften zurück, die sich von den herkömmlichen Regeln des Marktes und der Hierarchie unterscheiden. Nach ihrer Ansicht ist der Erfolg eines Vorhabens weniger abhängig von traditionellen Preis- und Vertragsmechanismen oder der Zuweisung von Autorität und Verantwortlichkeiten. Vielmehr ist es eine Frage, wie Personen und Teams interagieren, wie und mit welcher Intensität diese miteinander kommunizieren und wie zielstrebig Führungskräfte ihre Mitarbeiter lenken. Antworten hierauf liefern sowohl die Open-Source-Gemeinde von Linux, als auch das nach dem Just-In-Time Prinzip funktionierende Toyota-Produktions-System.

Erste Parallelen lassen sich bei einem Vergleich der Arbeitsweisen feststellen. Bei den Mitarbeitern beider Organisationen fällt dem Beobachter besonders ihre Detailverliebtheit ins Auge. Gleichzeitig beschränken sie sich jedoch unerbittlich auf das Wesentliche und eliminieren Redundanzen dort, wo sie entstehen. Dabei gehen sie stets konzentriert und diszipliniert zu Werke. Bemerkenswert hierbei ist die Offenheit und das Engagement, mit welchem die Mitarbeiter bei der Lösung von Problemen gemeinschaftlich zusammenarbeiten. Eine solche Taktik kleiner Schritte zeigt sich auch in der Intensität und der Art und Weise, wie Mitarbeiter miteinander kommunizieren. Beteiligte stimmen ihre Aktivitäten permanent untereinander ab und gewährleisten dadurch die Aktualität und kontinuierliche Verbesserung der Abläufe. Einheitliche Standards bilden hierbei die Grundlage für den schnellen und kostengünstigen Austausch von Informationen auf Basis gemeinsamer Plattformen.

In beiden Fällen agieren Führungskräfte als Bindeglieder. Sie sichern den Fortbestand des unternehmungsübergreifenden Netzwerks, indem sie sich durch ihre reichhaltigen Erfahrungen und Fähigkeiten an der Problemlösung aktiv beteiligen und so Mitarbeiter und Anhänger motivieren und an sich binden. Auch wenn sich die hierarchisch formale Struktur von Toyota fundamental von der selbstorganisierenden Open-Source-Gemeinde von Linux unterscheidet, besitzen die Mitarbeiter von Toyota z.B. im Rahmen der Ressourcenallokation und Entscheidungsfindung durchaus große Freiräume. In diesem Zusammenhang weisen Evans und Wolf darauf hin, dass sich eine solche Form des Zusammenwirkens auf zwei Infrastrukturkomponenten stützt: einen gemeinsamen Wissenspool und die zur Verbreitung von Wissen notwendigen und vielseitig einsetzbaren Instrumente. Diese Kriterien schaffen die Voraussetzungen für die Entstehung sog. "Nutzer-Entwickler", die einerseits von vorhandenem Wissen profitieren und andererseits selbst zur Innovierung und Entwicklung neuen Wissens beitragen. Dies tun sie auf Basis einfacher und bewährter Technologien, die für jedermann verständlich und zugänglich sind. In diesem Kontext zählen weniger finanzielle Anreize und Kontrollen, als vielmehr intrinsische Motive, die sich durch gegenseitiges Vertrauen, Respekt und Anerkennung sowie Eigeninitiative auszeichnen und die Wettbewerbsfähigkeit solcher Organisationsformen aufrechterhalten. Hierbei ermöglichen gemeinsame Plattformen des Informationsaustauschs die Modularisierung komplexer Abläufe in kleine, überschaubare und miteinander kompatible Bausteine.

Neben diesen methodischen Merkmalen besitzt ein solches Vorgehen auch weit reichende transaktionsökonomische Konsequenzen. Vertrauensbasierte Zusammenarbeit verhindert opportunistisches Verhalten, wodurch langwierige Verhandlungen zwischen Transaktionspartnern obsolet werden und die damit verbundenen Kosten drastisch sinken. Im Idealfall entsteht so ein unternehmungsübergreifendes, sich selbst organisierendes Netzwerk, das auf gegenseitigem Vertrauen aufbaut und sich den Mehrwert eines gemeinsamen Wissenspools zu Nutze macht.

Solche Vorgehensprinzipien scheinen sich besonders in Krisenzeiten zu bewähren. Dabei ist unerheblich, ob sich die Herausforderung in der Abwehr eines feindlichen Hackerangriffs auf ein Betriebssystem oder in der plötzlichen Überbrückung eines Engpasses in der Zulieferkette eines Automobilherstellers deutlich macht. In beiden Fällen ist es die Kombination aus Arbeit, Kommunikation und Führungsprinzipien, die sich auf einen gemeinsamen Wissenspool und universell verfügbare Instrumente stützt und sowohl im alltäglichen Geschäft als auch in Krisensituationen ihren Einsatz findet.

4. Für wen, unter welchen Bedingungen ?

Der Artikel von Evans und Wolf eröffnet insbesondere Führungskräften neue Wege jenseits herkömmlicher hierarchischer und marktlicher Denkmuster. Die oben aufgezeigte Kombination aus Arbeit, Kommunikation und Führungsprinzipien eignet sich sowohl für die Bewältigung alltäglicher als auch besonderer Situationen und bietet Unternehmungen so eine alternative wettbewerbsfähige und zukunftsweisende organisatorische Plattform.

5. Wie einzuschätzen ?

Evans und Wolf fördern in ihrem Artikel interessante Erkenntnisse zu Tage, die zwar nicht unbedingt neu sind, jedoch anhand praktischer Beispiele Hinweise darauf liefern, wie es Organisationen unterschiedlichster Branchen gelingen kann, auch in wirtschaftlich turbulenten Zeiten Wettbewerbern eine Nasenlänge voraus zu sein.