DIN-Normen: Grundlagen, Trends und das Ende der Vorurteile

Normen und Standards gehören zum Alltag eines jeden einzelnen von uns. Dennoch sind wir uns dessen oft wenig bewußt und verbinden mit der Norm gedanklich eher Negatives. Das Normung im Zuge der Globalisierung und einer sich mehr und mehr vernetzenden Weltwirtschaft notwendig und äußerst sinnvoll ist, beleuchtet der hier vorliegende Beitrag. Es werden grundlegende Aspekte der Normung erläutert, Trends in diesem Bereich aufgezeigt und gleichzeitig mit den Vorurteilen gegen Normen & Co. aufgeräumt.

02.09.2004
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1. Wer, Wann, Wo ?

Thomas Ramge hat folgenden Beitrag veröffentlicht:

Ramge, Thomas (2004): "Die DINer", in: brand eins, 6. Jg., Heft 06, Juli/August 2004, S. 70-75.

Thomas Ramge arbeitet derzeit als Autor der Zeitschrift brand eins und schreibt regelmäßig für "Die Zeit". Darüber hinaus berät er das American-Express-Kunden-Magazin "Centurion" in der Funktion des Textchefs.

2. Woher, Wohin, Warum ?

Ein Phänomen, mit dem die heutzutage ständig fortschreitende Globalisierung notwendigerweise in Zusammenhang steht, ist die Normierung. Ohne das Vorhandensein von Normen und Standards wäre eine derartige Vernetzung der Welt überhaupt nicht möglich. Sie würde im wahrsten Sinne des Wortes im Detail ersticken. Thomas Ramge adressiert mit seinem Artikel dieses oft vergessene oder vernachlässigte Thema und räumt mit einigen Vorurteilen auf, die mit dem Gedanken der Norm einhergehen.

3. Was, Wie, Welche Ergebnisse ?

Das Bild, das laut Thomas Ramge in den Köpfen der Menschen vom DIN (Deutsches Institut für Normung e.V.) vorherrscht, gestaltet sich folgendermaßen: in einer Behörde erfindet ein Heer von Beamten Vorschriften, die den Alltag ihrer Mitmenschen regeln.

Die Realität sieht anders aus. Das DIN ist ein eingetragener, gemeinnütziger Verein, keine Behörde. Die Vereinsangestellten und das Institut selbst werden neben Mitgliedschaftsbeiträgen und öffentlichen Zuschüssen hauptsächlich durch die Publikation und den Verkauf der Normen durch den Beuth Verlag finanziert. Auch wird keine Norm der Außenwelt aufoktroyiert, sondern das DIN bietet lediglich einen Rahmen, in dem sich an der Normung Interessierte abstimmen können. Dabei moderiert das Institut das Normierungsverfahren und veröffentlich dessen Ergebnisse. Das Deutsche Institut für Normung e.V. selbst formuliert dies folgendermaßen: "Das DIN ist der runde Tisch, an dem sich Hersteller, Handel, Verbraucher, Handwerk, Dienstleistungsunternehmen, Wissenschaft, technische Überwachung, Staat, das heißt im Grunde jedermann, der ein Interesse an der Normung hat, zusammensetzen, um den Stand der Technik zu ermitteln und unter Berücksichtigung neuer Erkenntnisse in Deutschen Normen niederzuschreiben".

Jeder kann ein Normungsprojekt beantragen. Der Normungsprozeß bzw. die fachliche Arbeit der Normung wird in Ausschüssen durchgeführt. Dabei ist eine Norm nicht rechtsverbindlich. Sie kann freiwillig angewandt und dadurch zu Werbezwecken genutzt werden. Der Nutzen einer Norm liegt aber nicht nur im Signalisieren einer bestimmten Produkt- oder Dienstleistungsqualität. Sie trägt auch zur Deregulierung von Märkten, zur Vereinfachung der Produktion, zur Kostensenkung und somit folglich zu wirtschaftlichem Wachstum bei. Laut einer Studie des Frauenhofer Instituts für Systemtechnik und Innovationsforschung und der technischen Universität Dresden liegt der gesamtwirtschaftliche Nutzen der Normung bei 16 Mrd. Euro als Beitrag zum Bruttosozialprodukt. Den individuellen Nutzen der Normung erklärt der Autor an einem einfachen Beispiel: "Wenn die Speicherkarte nicht in die Kamera, die Kamera nicht zum Computerkabel und der Computer nicht zum Farbdrucker passen, wird es für den Verbraucher ärgerlich und teuer."

Es existieren drei Ebenen von Normen: DIN – nationale (deutsche) Normen, CEN – europäische Normen und ISO – internationale bzw. weltweite Normen. Im Zuge der Globalisierung und der damit einhergehenden Vernetzung der Märkte wird vor allem die internationale Normung immer bedeutender. Direktor des DIN und Vizepräsident der Internationalen Organization for Standardization (ISO) Torsten Bahke legt daher einen Schwerpunkt auf die internationale Normungsarbeit im DIN. Dabei werden sowohl DIN-Normen in das internationale Normenwerk eingebracht, als auch DIN-Normen an bestehende internationale Standards angepaßt. Vor allem Rußland, die EU und die asiatischen Volkswirtschaften beteiligen sich am Ziel einer kompatiblen Weltwirtschaft, während die USA noch versucht, ihren Markt durch eigene Normung abzuschotten.

Ein Trend in Sachen Normung liegt derzeit in der Normung von Dienstleistungen wie bspw. Wach- und Sicherheitsdiensten. Sie soll auch hier Leistungen vergleichbar (und auch einklagbar) machen sowie öffentliche Ausschreibungen vereinfachen. Allerdings steckt die Normung hier noch in den Kinderschuhen. Auch internationalen Normungsvorhaben in der Biometrie bzw. der technischen Identifizierungsverfahren von Menschen (Vermessung der Iris, elektronische Erkennung des Fingerabdrucks, etc.) wird hohe Priorität zugemessen. Schließlich spielt die "entwicklungsbegleitende Normung" eine immer größere Rolle. Hier wird schon während der Entstehung von technischen o.ä. Innovationen ein Normungsprojekt eingeleitet, um eine schnelle Marktfähigkeit des fertig entwickelten Produktes zu gewährleisten und auch die Entwicklung an sich zu beschleunigen.

4. Für wen, unter welchen Bedingungen ?

Der Artikel von Thomas Ramge ist ein interessanter Beitrag für jeden, der sich mit den Grundlagen und Grundfragen der Normung auseinandersetzten möchte. V.a. Akademiker, die mit der Praxis der Normung noch kaum oder wenig Kontakt hatten, können hier einen ersten Einblick erhalten. Da die Normung für jede Unternehmung, die komplementäre Produkte im weitesten Sinne vertreibt, eine Rolle spielt, und sich einige neue Trends, wie die Angleichung internationaler Standards, abzeichnen, bietet der Beitrag auch Anhaltspunkte für "Anfänger" und "Kenner" aus der Praxis, um sich auf bestimmten Gebieten weiter zu informieren.

5. Wie einzuschätzen ?

Der Artikel stellt einen gelungenen, unterhaltsamen und informativen Beitrag zu einem Thema dar, das eigentlich zur wirtschaftlichen Allgemeinbildung gehören sollte, aber oft vernachlässigt oder vergessen wird. Dabei versucht der Autor in seinem Werk, mit den Vorurteilen über Normen und Normung aufzuräumen, den Nutzen von Normen zu beleuchten und die derzeitigen Trends in der "Normungsbranche" aufzuzeigen.

Ein Bereich, der im Beitrag nicht angeschnitten wurde, aber für den Praktiker und den Akademiker gleichermaßen hilfreich oder interessant sein dürft, ist die Einteilung der DIN-Norm nach ihrem Ursprung und damit auch ihren Wirkungsbereich (Quelle: www.normung.din.de):

DIN (plus Zählnummer, z.B. DIN 4701)

Eine DIN-Norm, die ausschließlich oder überwiegend nationale Bedeutung hat oder als Vorstufe zu einem internationalen Dokument veröffentlicht wird (Entwürfe zu DIN-Normen werden zusätzlich mit einem "E" gekennzeichnet, Vornormen mit einem "V"). Die Zählnummer hat keine klassifizierende Bedeutung.

DIN EN (plus Zählnummer, z. B. DIN EN 71)

Europäische Normen sind DIN-Normen. Hier handelt es sich um die deutsche Ausgabe einer Europäischen Norm, die unverändert von allen Mitgliedern der gemeinsamen europäischen Normungsorganisation CEN/CENELEC übernommen wurde. (Normen des Europäischen Instituts für Telekommunikationsnormung sind mit DIN ETS gekennzeichnet.)

DIN EN ISO (plus Zählnummer, z. B. DIN EN ISO 306)

Dieser Code spiegelt alle drei Wirkungsebenen wieder, die eine Norm haben kann: national, europäisch, weltweit. Der Werdegang ist folgender: auf der Grundlage einer Norm der internationalen Normungsorganisationen ISO wurde eine Europäische Norm erarbeitet, die als DIN-Norm übernommen wurde.

DIN ISO (plus Zählnummer, z. B. DIN ISO 720)

Hierbei handelt es sich um die unveränderte Übernahme einer Norm der ISO als nationale Norm.

6. Interessante Links:

76DIN - Deutsches Institut für Normung